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Ein Haus erwacht

Die Potsdamerin Ute Meesmann saniert das denkmalgeschützte Reetdachhaus an der Leester Ortsdurchfahrt

Von Nadine Fabian

Leest. Wo man in so einem alten, runzligen Haus mit der Arbeit beginnt? Hinten links in der dunkelsten Ecke. Ute Meesmann möchte eigentlich nur mal schauen, was sich unter dem abgetretenen Linoleum versteckt. Also zupft sie ein Stückchen ab und kann – von Neugier und plötzlichem Tatendrang gepackt – einfach nicht mehr aufhören. So beginnt vor einigen Monaten klammheimlich die Sanierung des Reetdachhauses in Leest, das nun mehr und mehr und inzwischen auch für jedermann sichtbar aus seinem Dämmerschlaf erwacht.

Eines der letzten seiner Art

Das Mitte des 19. Jahrhunderts für einen Fischer in Blickweite zur Wublitz erbaute, heute unmittelbar an der Landstraße 902 erbaute Wohnstallhaus ist ein Schmuckstück auf den zweiten Blick. Und es hat das Zeug zum Wahrzeichen. Drei Häuser dieser Art standen einst in Leest. Zwei sind erhalten. Das Haus, das Ute Meesmann ihr eigen nennen darf, ist laut denkmalpflegerischem Gutachten allerdings „eines der letzten authentischen Zeugnisse des ländlichen Wohnens in der Havel-Region um Potsdam in Brandenburg“. Die meisten vergleichbaren Objekte seien längst abgerissen worden. „Die straßenbegleitende Lage am Ortseingang macht das ländliche Wohnstallhaus zu einem ortsprägenden Gebäude der regionalen Baukultur.“

Nach einigen Jahren des Leerstands war das Häuschen seit 1983 an einen „Wissenschaftler vom Potsdamer Telegrafenberg“ verpachtet. Der packte Anfangs zwar an. Aber er wurde zusehends älter und das Häuschen maroder. Als der Mann die Neunzig überschritten hatte, begann man sich im Dorf zu sorgen: Was nur sollte aus dem Häuschen werden, wenn der alte Herr mal nicht mehr ist? Würde das Haus überhaupt jemand kaufen wollen? Mit all dem Sanierungsbedarf? Mit all den Vorgaben des Denkmalschutzes? So dicht an der viel befahrenen Straße gelegen? Fest stand: Das Haus sollte nicht als Spekulationsobjekt enden und bis zum unrettbaren Verfall leer stehen. Leben sollte dort einziehen. Aber wie? Man hatte sich das Häuschen zwischenzeitig als Heimatmuseum gedacht. Doch: Wer sollte sich darum kümmern? Und überhaupt: Hatten die Insulaner im Ehrenamt nicht schon genug mit ihrer Feuerwehr zu tun? Dass in dieser Zeit des Zauderns plötzlich Ute Meesmann anklopfte, ist für den Ortsvorsteher der Insel Töplitz heute nichts geringeres als eine glückliche Fügung. Was Frank Ringel besonders gefiel: „Hier war Herz mit drin.“

Alle Instanzen der Lokalpolitik haben den Verkauf des Häuschens und dessen Kaufinteressentin geprüft: Der Ortsbeirat hat sein Votum abgegeben, der Wirtschafts- und der Hauptausschuss, zuletzt hat die Stadtverordnetenversammlung ihr Einverständnis erklärt. So kam Ute Meesmann zu ihrem Häuschen und das Häuschen zu jemandem nicht nur mit Herz, sondern auch mit einer Vision und mit emsigen Händen, denn Ute Meesmann möchte so viel wie möglich allein restaurieren.

„Selbstverständlich lasse ich die Finger von der Elektrik“, sagt die Kunsthistorikerin, die zum Team des Potsdam-Museums gehört und in der Landeshauptstadt zu Hause ist. Auch Wasser- und Abwasser überlässt sie den Profis. Und selbstverständlich das Reetdach, das in diesen Tagen neu eingedeckt wurde. Dafür hat Ute Meesmann, die sonst auf regionale Handwerker setzt, eine Firma aus Mecklenburg-Vorpommern engagiert. Die Dachdeckerei Freitag aus der Anklamer Bucht arbeitet mit Rügener Rohr und bringt seit über 30 Jahren große und kleine Projekte ins Trockene.

Nun also das Fischerhäuschen an der Wublitz: Für die Dachsanierung hat Ute Meesmann Fördermittel der Deutschen Stiftung Denkmalschutz erhalten und auch Denkmalhilfe vom Land Brandenburg. „Ohne diese Unterstützung hätte ich es nicht schaffen können“, sagt Ute Meesmann. Sie lobt auch die Denkmalbehörde des Landkreises Potsdam-Mittelmark: „Dort hat man mich super nett begleitet, mit Tipps und Ratschlägen versorgt und immer wieder motiviert. Wenn ich diese Begleitung nicht gehabt hätte, ich hätte wohl hingeschmissen.“

Dass sie sich so ein gebrechliches Haus überhaupt zugetraut hat, liegt vor allem an ihrem Bruder. Der auf Denkmale spezialisierte Architekt hat das Haus begutachtet, hat all die Punkte benannt, auf die sich die Schwester verlassen kann, und die, um die sie sich unbedingt kümmern müsse. Er hat die Kosten für das Vorhaben überschlagen und es am Ende als machbar erklärt. Die Sanierung ist nun auch eine Art Vermächtnis des ratgebenden Bruders, der überraschend verstorben ist.

Familie, Freunde und Bekannte wirken am Bau mit – vor allem als Qualitätskontrolleure und Lehrmeister. Eine Freundin etwa hat Ute Meesmann beigebracht, Lehmputz anzurühren und zu verarbeiten. „Ich dachte, das könne nicht schwer sein – und dann klatscht das Zeug beim ersten Versuch wieder runter! Und beim zweiten!“ Als die erste Wand fertig war und Ute Meesmann nicht stolzer hätte sein können, kam die Schwester zu Besuch und meinte, das Werk wäre zu krumm und schief geraten – sie solle das doch besser noch einmal machen, bevor sie sich irgendwann ärgere. Ute Meesmann fluchte – und putzte neu. Heute kann sie drüber lachen: „Man probiert’s aus, dann wird es blöd, dann fängt man wieder von vorn an – das alles ist learning by doing, aber es macht sehr viel Freude.“

Inzwischen sind viele Wände glatt und in der Küche sogar schon bereit für den ersten Anstrich. Ute Meesmann wird zum Wohle ihres alten Hauses Lehmfarbe verwenden: „Die Wände müssen atmen, sie müssen Feuchtigkeit aufnehmen und abgeben können.“ Die ersten Nuancen sind zur Probe aufgepinselt: Spielarten von Lehmweiß, die eine etwas gebrochener als die andere.

1900 gab’s ein Plumpsklosett

„Hell“, sagt Ute Meesmann. Sie steht im Wohnraum des geduckten Häuschens, das nicht viel Licht hinein lässt. „Es muss auf jeden Fall alles hell werden.“ Das Farbgutachten erzählt allerdings eine andere Geschichte, erzählt von wässrigem und von dunklem Blau, von Rosa und einigem mehr. Allein hier im Wohnraum lassen sich sieben Farbschichten nachweisen. Aber der Denkmalschutz lässt Ute Meesmann freie Hand. Auch im Denkmal muss man sich schließlich wohlfühlen können. Daher kann sie auch ein Badezimmer einbauen und das Plumpsklosett anno 1900 eine kuriose Anekdote sein lassen. Das Toilettenhäuschen ist nicht das erste Zugeständnis an zeitgemäße Bedürfnisse: Ebenfalls um 1900 war der Rauchfang der Schwarzküche – also die offene Feuerstelle – aufgegeben worden. Das Häuschen war zudem das erste in Leest mit Anschluss an den elektrischen Strom: Es diente einst als Poststelle. Als in den 1990er Jahren die Straße saniert wurde, bekam es einen Trink- und Abwasseranschluss.

Jetzt aber bricht etwas völlig anderes an: Das Häuschen bekommt Familienanschluss. Die Tochter (25) und der Sohn (19) sind inzwischen zwar erwachsen. Ab und zu aber schauen sie doch vorbei, um im kleinen Bauerngarten zu helfen oder anerkennende Blicke schweifen zu lassen. Was die beiden gesagt haben, als sich Ute Meesmann entschied, Bauherrin zu werden? „Ach du Güte, Mutter!“ – „Ich habe das einfach überhört“, sagt Ute Meesmann. Sie schätzt, dass sie im kommenden Frühling fertig sein könnte mit der Sanierung. „Ich freue mich darauf, im Sommer mit einem Glas Wein auf der Terrasse zu sitzen und mit Freunden den Abend und den Anblick des Hauses zu genießen. Ich freue mich darauf, mich im Winter am Kachelofen zu wärmen.“ Und ja: Sie könne sich vorstellen, hier einmal zu leben.

Quellenangabe: Potsdamer Tageszeitung vom 16.09.2022, Seite 16

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